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Es war einmal ein Kind

© Ursula Hohlweg
© Ursula Hohlweg

Es war einmal ein Kind – war es ein Junge oder war es ein Mädchen? Ich weiß es nicht.

 

War es noch ein kleines Kind oder war es schon älter? Auch das weiß ich nicht.

 

Für das, was ich jetzt erzähle, ist es nicht wichtig, wie alt das Kind war oder ob das Kind ein Junge oder Mädchen war.

 

Das Kind lebte in einer Stadt mit seiner Familie, seinen Eltern – Mama und Papa – und seinen Geschwistern. Ab und zu kamen Mitglieder der Familie zu Besuch: Oma und Opa, Tanten und Onkel.

 

Manchmal hörte das Kind, wie die Erwachsenen von Menschen sprachen, die das Kind noch nie gesehen oder noch nie gesprochen hat. Es waren immer Personen, die zur Familie gehörten, aber schon tot waren. Manche waren durch eine schwere Krankheit oder einen Unfall gestorben – manche davon schon als Kinder. Die waren nie erwachsen geworden.

 

Das Kind hörte auch Geschichten vom Krieg und von Männern, die als Soldaten im Krieg gestorben waren.

 

Das waren immer traurige Geschichten, und manchmal wurde dabei geweint.

 

Bei anderen Geschichten über früher wurde auch gelacht. Mama und Papa erzählten dann von ihren ersten Freunden und Freundinnen, die sich nicht geheiratet hatten. Und Opa erzählte von seiner ersten Frau, die bei der Geburt des ersten Kindes gestorben war. Er hatte dann die Oma geheiratet – die kannte das Kind sehr gut.

 

Das Kind war immer neugierig und beobachtete die Erwachsenen genau, wenn sie erzählten.

 

Das Kind spielte gerne, mal ganz ruhig allein in seinem Zimmer, mal wild und ausgelassen mit anderen Kindern. Es lachte gerne und hatte viel Spaß. In diesen Zeiten war es glücklich und zufrieden und dachte nicht an die traurigen Geschichten der Erwachsenen.

Dann gab es auch Momente, in denen das Kind Gefühle und Gedanken bei sich verspürte, die ihm nicht gut taten. Das Kind fühlte sich dann unruhig, unsicher, manchmal war es auch ärgerlich und wütend oder ganz zappelig, konnte nicht still sitzen und spielen.

Es gab auch Momente, da fühlte sich das Kind ganz schwer und traurig. Manchmal wurde auch in solchen Situationen der Körper krank, das Kind bekam Bauch- oder Kopfschmerzen und Fieber.

 

Die Erwachsenen schienen die Gedanken und Gefühle wenig zu bemerken. Und schließlich gingen die Gefühle dann auch wieder vorbei.

 

Bei den Erwachsenen merkte das Kind auch Unterschiede. Mal schien Mama oder Papa glücklich und zufrieden, dann waren sie unzufrieden, traurig, zappelig und wütend. Es gab Situationen, da wurde das Kind böse angeguckt oder von Papa oder Mama bestraft, ohne dass das Kind verstehen konnte, wofür.

 

In anderen Situationen hatte das Kind das Gefühl, Mama oder Papa beschützen oder trösten zu müssen. Dann ließ das Kind das Spielzeug liegen und setzte sich zu Mama oder Papa, damit sie nicht allein sein mussten mit den schlimmen Gefühlen. Wenn es dann abends im Bett lag, fühlte es vor dem Einschlafen ein schweres Gefühl im Bauch oder Kopf, das ihm nicht gut tat.

 

Eines Tages war wieder so ein Tag, das Kind merkte, dass Mama traurig war, wenig redete und ärgerlich wurde, wenn das Kind eine Frage stellte. Das Kind konnte nicht ruhig in seinem Zimmer spielen, immer wieder dachte es an Mama, was wohl mit ihr los sei.

 

Es hörte auf zu spielen und ging in die Küche zu ihr. Mama hatte geweint – das sah das Kind an den roten Augen.

 

Das Kind setzte sich stumm zu seiner Mama und nahm ihre Hand.

 

Da schaute die Mama das Kind an, weinte leise und nahm es in den Arm.

 

Nach einiger Zeit sagte sie etwas Seltsames: „Liebes Kind… ich hab Dich sehr lieb. Und Du hast mich sehr lieb. Das ist wunderschön. Du darfst Dich nicht um mich sorgen, Du bist das Kind. Ich bin die große Mama, und Du bist das kleine Kind. Auch wenn Du immer älter und größer wirst. Ich bin da um auf Dich aufzupassen und für Dich zu sorgen – nicht umgekehrt.

 

Wenn ich traurig bin, wie jetzt gerade, hat das nichts mit Dir zu tun, sondern mit den Geschichten, die früher passiert sind, bevor Du auf der Welt warst. Das ist wie ein schwerer Stein, der zu mir gehört, und den ich tragen muss. Du darfst das für mich nicht machen.“

 

Dann stand die Mama auf und nahm eine schwere Blumenvase, die im Flur stand.

 

Sie gab dem Kind die Vase in den Arm und sagte: „So ist das mit dem Schweren. Fühle mal, wie schwer das ist!“

 

Das Kind stand einen Moment mit der schweren Vase und konnte sie kaum halten.

 

Die Mutter lächelte und sagte: „Du bist und bleibst mein liebes Kind. Auch wenn Du mir das Schwere lässt, bleibe ich Deine liebe Mama! Ich kann das tragen.“ 

 

Mit diesen Worten nahm die Mama die Vase in einen Arm und das Kind in den anderen.

 

„Das hat beides Platz bei mir“, sagte sie leise. 

 

Da fühlte sich das Kind ganz leicht, lehnte sich bei der Mama an und dachte: „Hier bei der Mama ist ein guter Platz für mich!“

 

- Verfasser unbekannt -