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Was ist das Leben?

© Ursula Hohlweg
© Ursula Hohlweg

Ein Mann kam zum Meister und sagte zu ihm:  "Herr, ich brauche deinen Rat. Ich bin ein reicher Mann, aber das Leben ist ein Kampf, denn alle wollen mir nur Böses."

 

"Höre auf zu kämpfen", antwortete der Meister.

 

Doch der Mann konnte mit dieser Antwort nichts anfangen. Verärgert ging er davon und kämpfte mit jedem, der sich ihm näherte. Er machte sich viele Feinde.

 

Nach einem Jahr suchte er den Meister erschöpft wieder auf.

 

"Ach Herr, ich habe so viel gekämpft und kann nicht mehr. Das Leben ist eine schwere Last."

 

"Erleichtere dich von diesem Gewicht", bekam er zur Antwort.

 

Der Mann ging wieder verärgert davon, denn er verstand die Antwort nicht. Im folgenden Jahr verlor er seine Frau und seine Kinder, und alles, was er besaß.

 

Verzweifelt suchte er den Meister wieder auf.

 

"Herr, das Leben ist eine Last mehr, denn ich habe alles verloren. Das Leben ist ein Elend."

 

"Höre auf zu leiden."

 

Diesmal war der Mann nur noch traurig über die Antwort, die ihm nicht weiter half. Er ging bis zum Fuße des Berges, auf dem der Meister wohnte, und setzte sich hin.

 

Da saß er und weinte und weinte - viele Tage, Wochen und Monate. Schließlich war keine einzige Träne mehr in ihm.

 

Da hob er den Blick. Es war früh am Morgen und die Sonne ging gerade auf. Er stand auf und ging zum Meister.

 

Dieses Mal fragte er: "Herr, was ist das Leben?"

 

Der Meister lächelte liebevoll und sagte zu ihm: "Eine aufgehende Sonne an einem neuen Tag.“

 

- eine Geschichte von Tania Konnerth -